Rolf Brickwedel kannten viele – in der Lilienthaler Diakonie natürlich, aber auch in der Gemeinde. 45 Jahre hat er mit anderen Menschen mit Behinderung in der sogenannten Besonderen Wohnform gelebt. Seine Familie erzählt, wer Rolf für sie war und wie er sein Leben aus ihrer Sicht selbstbestimmt gestaltete.
Eine seiner Schwestern lächelt, als sie auf die Fotos blickt. „So war der immer“, sagt sie über ihren Bruder Rolf. Bei Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Familienfeiern – oder auch beim Hausbau – war Rolf nicht dabei, sondern mittendrin. In einer Zeit, in der Menschen mit einer geistigen Behinderung kaum sichtbar waren, war das etwas Besonderes.

Rolf sei in der Familie und in der Nachbarschaft immer selbstverständlich dabeigewesen, erinnert sich die Familie Brickwedel.
„Das sollte nicht besonders inklusiv sein, es war halt einfach so. Das Wort gab es gar nicht. Wir hatten ja auch in dem Sinne gar keinen Vergleich, weil es außer Rolf kein Kind mit Down-Syndrom bei uns gab. Das war mein Bruder und fertig. Das Gute für unsere Schwester Annette und mich war ja: Er war immer da. Der musste ja nicht zur Schule. Und so hatten wir immer jemanden zum Spielen.“
Die Zugehörigkeit in der Familie und in der Nachbarschaft hat ihn vielleicht auch zu dem Menschen gemacht, der er später in der Lilienthaler Diakonie war: aktiv, gesellig und im Stadtbild ein bekanntes, gern gesehenes Gesicht. „Alle kannten Rolf“, heißt es bis heute. Im Januar 2024 starb Rolf Brickwedel im Alter von 65 Jahren. Ein gutes Jahr später sitzt die Familie – drei Brüder, zwei Schwestern und der 90-jährige Vater – im Verwaltungsgebäude der Lilienthaler Diakonie. Schon ein paar Wochen zuvor haben sie eine großzügige Spende an Rolfs Wohngemeinschaft NKW 65 c/d überreicht. Sie wollen den Menschen dort im Namen von Rolf etwas Gutes tun.

An diesem Tag sprechen sie über sein Leben – und über Jahre, die schwerer waren, als die Familie lange ahnte.
Eine Burg in Bayern
Bevor Rolf 1979 mit etwa 19 Jahren in die Lilienthaler Diakonie kam, lebte er in einer anderen Einrichtung. Was viel später bekannt wurde, lässt die Geschwister und den Vater bis heute nicht ganz los: Als Kind kam Rolf mit einer Gruppe von 60 Jungen mit Behinderung aus dem Landkreis Cuxhaven nach Bayern. Eine Burg sollte dort das neue Zuhause sein. Was wirklich hinter ihren Mauern vorging, blieb lange im Dunkeln und wurde später in einem Buch „Burgschattenkinder“ beschrieben. Die Kinder, auch Rolf, erlebten dort täglich große Härte. Sie wurden unterdrückt und ruhiggestellt. Schutz hatten sie kaum, die Atmosphäre war von Angst geprägt, wehren konnten sie sich nicht. „Ich habe lange gebraucht, bevor ich das Buch lesen konnte“, sagt ein Bruder. „Es war sehr schwer“, ergänzt eine der beiden Schwestern.
„Er konnte sich ja nicht äußern“
Im Norden habe es damals nur wenige Möglichkeiten gegeben, Kinder und Jugendliche mit Behinderung unterzubringen. Deshalb kamen sie nach Bayern. „Familien mussten vertrauen“, erinnern sich Rolfs Angehörige. Sie konnten sich nicht erklären, weshalb sich Rolf nach Besuchen zu Hause so sehr sträubte, zurück nach Bayern zu fahren „Er konnte sich ja nicht äußern, er hat nichts gesagt“, erinnert sich eine Schwester. Die Traurigkeit in ihrer Stimme ist hörbar.

Dass die Betreiber der Einrichtung alles dafür taten, von den Vorgängen in der Burg nichts nach außen dringen zu lassen, konnten die Angehörigen damals nicht wissen. Die Verantwortlichen inszenierten Fotos, gaukelten ein gutes Leben vor und verhinderten, dass Familien die Einrichtung besuchten oder die Zimmer sahen. Zudem hieß es, Heimatbesuche seien schlecht für die Kinder.
„Wenn sie sprechen konnten, sind sie teilweise nicht mehr nach Hause gekommen.“ Vielleicht war es für Rolf deshalb auch ein Schutz, dass er sich nicht verbal äußern konnte, vermutet die Familie heute:
„Das nehme ich an. Er konnte keine Widerworte geben. Er hat mehr gemerkt, als die meisten ahnen. Wahrscheinlich hat er sich gedacht: Er macht das, was sie sagen, dann passiert ihm nichts.“
Zwischendurch durfte Rolf nach Hause fahren – Zeiten, in denen er sich sicher fühlen konnte.
„Freiheit“ in Lilienthal
Rolf hatte Vorlieben, die allen beim Gespräch sofort einfallen: Musik, Werder Bremen, Reisen, Fliegen – und Feuerwerk. „Für Rolf war Silvester nur die Knallerei“, sagt eine Schwester.
Und Rolf mochte alles, was mit Gemeinschaft und Erlebnis zu tun hatte. „Er liebte es, wenn etwas los war. Und er liebte es, wenn andere zu ihm kamen.“ An seinen Geburtstagen, erzählen die Angehörigen, habe man ihm den Stolz richtig angesehen, wenn Bewohnerinnen und Bewohner hereinkamen, Kuchen aßen und mit ihm feierten. „Alle haben sich abwechselnd dazugesetzt – darin hat er sich gesonnt.“

Mit dem Einzug in die Lilienthaler Diakonie hatte für Rolf ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Für die Familie ist klar: Es war „das Beste, was ihm passieren konnte“. Was hier anders war? Das Wort, das bei den Antworten am häufigsten fällt, ist „Freiheit“. „Ich glaube, was das Ausschlaggebende für ihn war, das war die Freiheit, die er hier auf einmal hatte“, sagt eine Schwester. Ein Bruder ergänzt:
„Wenn man diese 13 Jahre davor sieht, wie er sich immer versteckt hat, wenn es nach Bayern ging – ja, die Freiheit auf dem Gelände in der Lilienthaler Diakonie, der ganze Umgang, das war er nicht gewohnt. Als er das gemerkt hat, war er, glaube ich, richtig befreit. Das ist das Schönste, was überhaupt passieren konnte.“
Erwachsenwerden
Rolf war frei, sich überall hinzubewegen, Entscheidungen zu treffen und Beziehungen aufzubauen. „Er hatte sein eigenes Leben.“ Und wie in seiner Familie und seinem Heimatdorf Elmlohe war er auch in Lilienthal dabei und mittendrin. Die Fotos von Festen, Disco, Ausflügen und Urlaub zeigen einen jungen Mann, der erwachsen wurde und sein eigenes Ding machte. „Er kam gerne mit nach Hause. Aber er wollte nach einem Wochenende auch wieder zurück, dahin, wo er wohnte.“ Weihnachten musste die Familie manchmal verhandeln, damit Rolf länger in Elmlohe blieb. Mit Silvester konnte man ihn locken. Als sein Vater ihn aber einmal aus Lilienthal abholen wollte, waren die Verhältnisse klar:
„Gisela und er saßen vorne auf der Bank. Da habe ich gesagt: Rolf, willst du mitfahren? Da sagt er: Nein, nein. Ich solle nach Hause fahren, er hätte keine Zeit. Dann bin ich nach Hause gefahren, tschüss, fertig. Lilienthal war für Rolf wirklich ein Zuhause geworden. Er war zufrieden.“
Bewegende Momente
Viele Jahre fuhr Rolf in die Werkstatt nach Bremervörde, später vor allem in den Verpackungsbereich. Dort sei er nicht einfach mitgelaufen, sondern habe seine Aufgaben gut beherrscht und Anerkennung erfahren. Wenn die Familie ihn abholen wollte, habe oft schon jemand gerufen: „Rolf wird abgeholt.“ Auch das erzählen seine Geschwister mit Wärme. Nicht alle wurden wohl von ihren Familien abgeholt. Wir stark und stabil Rolf wirklich war, zeigte sich in einem der bewegendsten Momente, die die Familie mit ihm erlebte. „Das war bei der Beerdigung unserer Mutter. Wir beiden Schwestern haben gesagt, wir stützen Rolf. Wir dachten, Rolf bricht zusammen. Dann haben wir ihn eingehakt.“
„Doch letztendlich hat Rolf seine Schwestern gestützt und nicht umgekehrt. Er stand am Grab, da kriege ich heute noch eine Gänsehaut, da zeigte er mit dem Finger nach oben. Nach dem Motto: Sie ist nicht mehr hier, sondern …“
„Es hat Spaß gemacht mit ihm“
Rolf war bekannt für seinen Humor. Mit Gesten neckte er gerne, machte aber auch deutlich, was er wollte und was nicht. In den letzten Jahren wurde das weniger; gesundheitliche Probleme prägten sein Leben zunehmend. Er musste den Rollstuhl nutzen und habe nicht mehr viel wahrgenommen von dem, was um ihn herum geschah, wie die Geschwister erinnern. Als das Krankenhaus anrief, dachten sie, es sei wohl eine Erlösung. Wenige Stunden später waren sie bei ihm.„Wir saßen am Bett, und einer wie der andere hat gesagt:
„Mensch Rolf, du kannst gehen. Du kannst gehen.„

In der Martinskirche fand die Trauerfeier für Rolf Brickwedel statt. „Sein ganzes Leben stand praktisch vorne. Mit Flugzeug, mit Reisen, mit Arbeit, mit Feuerwerk. Werder Bremen.“ Menschen, die ihn begleitet hatten, waren da. Bewohnerinnen und Bewohner kamen, weil er ihnen wichtig war.
Bei der Beisetzung in Elmlohe stiegen schließlich Raketen in den Himmel. „Wenn die Raketen hochgehen, dann hat Rolf immer so ein Geräusch gemacht. Und das hat einer nachgemacht. Das kann er. Ja, das war top. Das hat das Ganze noch mal aufgelockert.“
Die Trauerfeier in der Lilienthaler Diakonie und die Beisetzung in seiner Heimatdorf waren für die Familie gelungen, eine runde Sache. In diesen Sätzen wird noch einmal spürbar, wer Rolf für seine Geschwister war:
„Wir sind zwar da, aber wir sind nicht vollständig.“
„Schön, dass es so geworden ist für ihn, dass er ein schönes Leben hatte.“
„Das macht einfach glücklich, ich bin froh, dass es so war.“
„Man ist dankbar, dass man ihn hatte.“
„Aber auch dankbar, dass er so zufrieden war.“
Vater Brickwedel schließt mit einer persönlichen Erinnerung:
„Er war zufrieden. Auch, als meine Frau verstorben war. Dann hat er bei mir im Schlafzimmer mit geschlafen. Und dann stand der nachts wieder auf. Warum wohl? Weiß ich nicht – weil ich schnarche?“







